Biz LIFE: Finanzkrise – Selbstheilung oder Staat?
5. November 2009
Als Ursache für die Finanzkrise gelten gierige Banker und ahnungslose Politiker. Welches Rezept verhindert, dass es erneut geschieht: Verantwortliche Banker oder mehr Staat?
Ausgerechnet Schweizer Privatbankiers wie Konrad Hummler von Wegelin & Cie (seit 1741) sowie Karl Reichmuth und Jürg Staub von Reichmuth & Co überraschen als Autoren mit konkreten Vorschlägen, wie grobe Finanzkrisen mit einer traditionellen Regelung der Verantwortlichkeit künftig zu vermeiden wären. Dabei gilt doch derzeit eher der Staat als sicherer Hafen, der Grossbanken und Autogiganten wie GM und Opel zu überleben hilft. Doch zurück zum Anfang.
Im Herbst 2008 geschah das Undenkbare: Der Fall der Bank Lehmann stürzte die Welt in die Finanzkrise, Anleger verloren ihr Erspartes, Banken das Vertrauen ineinander. Bank für Bank musste sich für unvorstellbare Summen – zig mal mehr als Wiederaufbau, Nasa und Irakkrieg zusammen – vom Staat retten lassen. Auf Finanzkrise folgte Wirtschaftsflaute, auch die Bosse der Autobauer bettelten nun den Staat an. Wer als liberaler Superkapitalist als zu groß galt zum Scheitern, profitierte von einer faktischen Staatsgarantie.
Gier, Ahnungslosigkeit, zu billiges Geld
Die Schuldigen waren bald ausgemacht: Gier und Ahnungslosigkeit, konkret gierige Investmentbanker, gierige und/oder ahnungslose Vermögensverwalter, gierige oder ahnungslose Kunden, ahnungslose Politiker. Zehn Jahre lang hatten Investmentbanker immer komplexere Versicherungen von Versicherung von Versicherungen konstruiert, die sie mit einem extremen Hebel billigen Fremdkapitals pfefferten und der Versprechung von Rendite plus Kapitalschutz zuckerten. Für das zu billige Fremdkapital waren liberale Notenbanker und weniger liberale Regierungen (un)verantwortlich.
Symptomtherapie: noch mehr Staatsschulden
In der Krise Ende 2008 schufen Staat und Notenbank als Therapie für Hunderte von Milliarden noch mehr Schulden und fluteten das System mit noch mehr billigem Geld. Billiges Geld hilft jedoch Schuldenmachern und bestraft Sparer. Politiker, Leserbriefschreiber und Medien forderten weiter, dass gierigen Bankern und Autobossen die offensichtlich ungerechtfertigten Millionen-Boni zu streichen sei. Auch die Kunden reagierten und zogen Milliarden bei unsicher erscheinenden privaten Grossbanken ab – Gewinner waren Banken mit Staatsgarantie und weniger risikoreich agierende Regionalbanken wie Raiffeisen. Doch nun treten auch erfolgreiche Banker als Autoren mit Vorschlägen auf die Bühne, wie sich im Banking wie in der Politik die jüngsten Fehler künftig vermeiden liessen.
Banking und Haftung gehören zusammen
In ihrem 2008 publizierten Buch «Weg aus der Finanzkrise – Entscheid und Haftung wieder zusammenführen» plädieren Privatbankier Karl Reichmuth und seine Koautoren für eine Rückkehr zum traditionellen Banking, wo der Bankier noch mit seinem Privatvermögen für seine Entscheide haftet. Ein persönlich haftender Banker meidet automatisch Geschäfte, die für ihn und seine Kunden zu riskant sind. Organisiert in der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers gibt es noch immer 14 Banken, die so die Verantwortung mit ihren Kunden teilen. «Es hätte wahrscheinlich keine Finanzkrise gegeben, wenn diese Art der Verantwortung in der Finanzbranche die Regel wäre», kommentiert
die Wochenzeitung Zeit-Fragen. Anders verhält es sich international bei den meisten Grossbanken: Wenn es gut läuft, verdient der Banker einen guten Lohn plus Superbonus. Wenn es schlecht läuft mit Milliardenschäden für Kunden und Volkswirtschaft, gibt’s für viele Bankenbosse trotzdem noch Millionenlohn und Bonus, aber keine Haftung für den Schaden.
Noch mehr Staatsschulden verboten
Auch der Staat und die meisten Notenbanken erhalten keine guten Noten für ihr Verhalten vor und während der Finanzkrise. Reichmuth und seine Mitautoren fordern, dass der Staat die Verschuldung keinesfalls weiter erhöhen dürfe. Wirkungsvoller wären Schuldenbremsen wie in Kalifornien, wo die Bürger über die Neuverschuldung abstimmen. Oder automatische Steuererhöhungen wie im Schweizer Kanton St. Gallen, wenn ein bestimmtes Haushaltsdefizit erreicht wird. Noch 1871 kannte das Grundgesetz des Deutschen Reichs einen ähnlichen Mechanismus. Effektiv sei auch die Schweizer Schuldenbremse, welche dem Staat in schlechter Konjunktur steigende Schulden erlaubt, in guten Zeiten aber als Ausgleich Haushaltsüberschüsse erzwingt.
Nullinflation oder Tschüss für Notenbanker
Für die Notenbanken empfehlen die schreibenden Privatbankiers die neuseeländische Lösung. Statt Fluten mit zu billigem Geld ist dort Nullinflation (Werterhalt für Sparer) gefordert, andernfalls wird der Zentralbankchef nicht wiedergewählt. Und für die Arbeitnehmer fordert Reichmuth, dass sie einen Teil ihres Gehalts als Gewinn- oder Kapitalbeteiligungen beziehen. Mit diesen Vorschlägen würden nicht nur Notenbanker und Banker endlich wieder zu verantwortungsvollen Unternehmern, sondern auch die Mehrheit der Erwerbstätigen, so die Privatbankiers.
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1.
Hans-Peter Eger | 10. November 2009 at 08:36
Eine Selbstheilung und die Rückbesinnung auf die eigentlichen Aufgaben von Kreditinstituten ist aus meiner Sicht der einzig richtige Weg. Ich erinnere daran, dass sich die Landesbanken vor Ende der Landes- oder Staatshaftungen u. a. mit Refinanzierungsmittel (Passivgeschäft) vollgesogen haben und anschließend diese Mittel im eigentlichen Kreditgeschäft (Aktivgeschäft) nicht in entsprechender Höhe untergebracht haben. Mit Zustimmung der Politiker wurde in ausländische Papiere, die ein angabegemäß sehr gutes Rating ausgewiesen haben, investiert. Die Grundgeschäfte aus diesen Papieren wurden nicht untersucht, wie es üblicherweise bei jedem Kreditnehmer aus Deutschland der Fall ist. Ein altes Sprichwort sagt: „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Darauf sollten sich Banken und Versicherungen besinnen.
Hans-Peter Eger