Digital LIFE: Drei neue eBooks – Gadget oder mehr?
5. November 2009
Kindle, Amazons neustes Lesetablett für elektronische Bücher, ist nun Europa tauglich, Sony Touch und Txtr aus Berlin ebenfalls. Wer eigentlich braucht denn bereits heute ein eBook?
Das 500-jährige Kulturgut Buch erhält digitale Konkurrenz vom eBook. Doch herkömmliche Bücher aus Papier sind eigentlich recht handlich und portabel. Wer braucht also ein elektronisches Lesetablett, um stets und überall die neusten Bücher herunter laden und lesen zu können?
Von eBooks sprechen Insider seit etwa 15 Jahren, doch erst das Augen und Akku schonende Graustufen-Display der amerikanischen Firma E-Ink ermöglichte ein Schriftbild, das mit bedrucktem Papier halbwegs mithalten kann. Strom brauchen solche flimmerfreien Displays nur dann, wenn eine Seite «umgeblättert» wird, wobei eine kurze Abdunkelung immer noch irritiert.
E-Plus, Swisscom, Orange & Co mit Txtr Reader?
Seit der Cebit kennt die Fachwelt nebst Kindle und Sony Touch ein drittes starkes eBook, nämlich den Reader vom Berliner Startup Txtr. An der Frankfurter Buchmesse kündigten die Berliner an, das Gerät in Deutschland ab 1. Dezember für € 319 zu verkaufen. Zwar hat Amazons neuer Kindle inzwischen einige Vorteile des Txtr Prototyps vom Frühjahr aufgeholt, so etwa die Mobilfunkanbindung. Doch punkto Offenheit (Drittentwickler, Mac, Windows, iPhone usw.) und Kooperationen (u.a. Rowohlt, S.Fischer, Kiepenheuer & Witsch, Droemer Knaur, Luchterhand, DVA, Heyne, Polyglott Cityguides und Langenscheidt) ist Txtr stark. In Deutschland hat Txtr als erstes mit dem Mobilfunkdienst E-Plus eine Kooperation vereinbart, während in der Schweiz ab 2010 eine Kooperation mit Orange oder Swisscom denkbar ist. Auch in Österreich wird der Txtr für Anfang 2010 erwartet.
Sony Touch Edition
Sony bringt mit dem Modell Touch Edition ihre zweite eBook-Generation heraus, die dank des berührungsempfindlichen Bildschirms auch Notizen und Editierungen ermöglicht. Das Gerät ist so gross wie ein Taschenbuch, wiegt 286 Gramm und kostet rund 300 Euro (449 CHF).
Amazon Kindle mit AT&T neu für Europa
Amazon verkauft die zweite Generation ihres eBooks Kindle – bisher nur in den USA erhältlich – nun auch in Europa für 279 Dollar. Das Besondere am neuen Kindle ist, dass man sich übers Mobilfunknetz von AT&T weltweit jederzeit und überall mit frischem Lesestoff versorgen kann. Die Bücher sind in einem proprietären Format gespeichert und können nicht verändert werden. Immerhin soll man auch PDF-Dateien auf den Kindle laden können. Zudem ist eine PC-Version für Kindle-Inhalte angekündigt. Zu Beginn sind bei Amazon fast nur englischsprachige eBücher erhältlich, doch erste Verlage und Medienhäuser der deutschsprachigen Welt kündigen während der Frankfurter Buchmesse Content für eBooks an.
Gadget oder Must?
Welche Lesetypen werden wohl die ersten eBooks am virtuellen Ladentisch nachfragen? Als Gadget bestimmt die Early Adapter unter Businessmenschen und Computerfreaks, für die das eBook ihr Smartphone als neustes Technikspielzeug und Statussymbol ablöst; als Muss, vermutlich die Informationselite («Knowledge Worker») der Web-&-Mobile-Generation, die das neuste Buch oder Medienerzeugnis stets vor den anderen haben – aber nicht unbedingt lesen – muss. Oder ist das eBook etwa bereits der Anfang eines Trends für alle, der sich so schnell durchsetzt wie ab Mitte der 90er Jahre das Web, das Print-Periodika innerhalb einer Dekade in Bedrängnis brachte?
LIFE PRESS vermutet , dass eBooks Papierbücher eher ergänzen als verdrängen werden, weil die fleissigsten Leser das Buch als Kulturgut sehen. Echte Bücherfreunde wollen die Gesamtheit ihrer Bücher im Bücherregal stehen haben, sie dort sehen und sehen lassen, sie beim Lesen haptisch fühlen (für Tageszeitungen könnte der Umstieg schneller funktionieren). Und auch die Ergonomie muss sich weiter verbessern: Echtes umblättern ist immer noch angenehmer als elektronisch umblättern. Daher: Für typische Early Adapter sind die eBooks der zweiten Generation durchaus attraktiv – als Gadget, Statussymbol oder bequeme Gratiszeitung-Alternative. Einen kompletten Ersatz für Papierbücher und Wochenzeitungen bilden eBooks für die Mehrheit der Konsumenten wohl noch einige Jahre nicht. Und wenn auch bei eBooks der Inhalt König ist, dann wirkt das derzeitige eBook-Content-Angebot in deutscher Sprache noch zu dünn. Mitverantwortlich dafür sind nebst den Buchverlagen primär die Medienhäuser. Werden sie auch diesen Trend verschlafen, oder werden sie diesmal pro-aktiv handeln statt nur defensiv beobachten?
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